Rituale E-Mail
Foto© Thomas Bucher climb.de
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Das Klettergeschehen in Klettergärten oder an künstlichen Wänden vollzieht sich im Rahmen eines basalen Ordnungsprinzips: Als grundlegende soziale Einheit gilt die Seilschaft, bestehend aus zwei Seilpartnern, die sich im Klettern und Sichern abwechseln. In ihrer konkreten Gestalt bestehen Seilschaften manchmal lediglich situativ (z.B. für eine Route), haben oftmals aber auch länger Bestand, sind bisweilen Teil einer Gruppe, häufig aber auch autonom.

Seilpartner kommunizieren miteinander, gerade auch, während einer von beiden klettert. Ein immer wiederkehrendes Interaktionsritual dient der Steigerung der Aufmerksamkeit beim Sichernden: Gerade nicht (nur) vor heiklen Kletterpassagen, sondern vor allem auch bei entsprechend 'unaufmerksamem' Verhalten des (zumeist am Boden und oftmals eben inmitten anderer Kletterer stehenden) Sicherungspartners warnt der Kletternde vor möglichen Stürzen; mit dem Hinweis auf seine volle Teilhabe am Geschehen stellt der Sichernde die Einheit 'Seilschaft' wieder her.

Neuere Disziplinen weichen das Ordnungsprinzip der Seilschaft mehr und mehr auf. Vor allem beim Bouldern spielen Seilschaften keine Rolle, aber auch beim 'Deep Water Soloing' ('DWS') - also beim seilfreien Klettern über tiefem Wasser - gibt es kein paarweises Vorgehen.
Sportkletterer feuern einander an: Unternimmt jemand einen 'ernsthaften' Versuch zur Durchsteigung einer Route (die Alternative besteht darin, sich eine Route nur 'anzusehen', d.h. sich immer wieder in das Sicherungsseil zu 'hängen' und Passagen zu üben), zieht er damit oftmals die Aufmerksamkeit der sonstigen Anwesenden auf sich, sofern die Route 'interessant' ist - z.B. durch ihren Schwierigkeitsgrad. Angefeuert wird nicht nur von der 'eigenen' Clique, sondern mit zunehmender Dramatik der Durchsteigung von immer mehr Anwesenden, die diese Dramatik durch ihre Zurufe noch steigern (z.B. 'alez' in Frankreich, 'Komm' oder 'Zieh' in Deutschland). Gleiches gilt beim Bouldern und beim DWS.

Die Durchsteigung einer Route gibt immer wieder Anlaß zur Diskussion: In erster Linie diskutiert man über Lösungsmöglichkeiten von Schlüsselstellen und über die Schwierigkeitsbewertung. Zur Teilnahme sieht sich in der Regel nicht nur die betreffende Seilschaft bemüßigt, sondern diverse Anwesende - sei es aus Interesse an Kommentaren des Bezwingers, sei es, um seine eigene Meinung zur Route kundzutun. Solche Diskussionen sind zentral nicht nur für eine 'funktionierende' Schwierigkeitstabelle, sondern auch für den Gesamtzusammenhang der Szene.
Letzte Aktualisierung ( Montag, 5. November 2007 )
 

Redaktion Sportklettern

Thomas Bucher

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