Rituale E-Mail
(c) Pablo Giese
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Das gemeinsame Training bildet das zentrale Ritual der Parkourszene, welches mitunter in Form von Workshops organisiert sein kann. Als eine Art ‚Alltagsritual‘ kann daneben auch Kommunikation und Informationsaustausch auf szeneeigenen Internetseiten gelten. Online- wie Offlinezusammenkünfte dienen dabei nicht nur der Stabilisierung eines Zusammengehörigkeitsgefühls sondern auch der Vermittlung von Fähigkeiten und Kenntnissen. Es scheint ein wichtiges Anliegen für ‚erfahrene‘ Traceure zu sein, innerhalb einer sich in vielfältige Richtungen entwickelnden Szene ihr eigenes Wissen und die Grundgedanken des Parkour an Neu-Einsteigende weiterzugeben.

Als ein beliebtes Ritual ist das sogenannte »Spots abklopfen« zu sehen: Bei Zusammenkünften von Traceuren wird nach dem Aufwärmen und ‚Einspringen‘ an einem vorher festgelegten Treffpunkt häufig dazu übergegangen, einen Rundgang durch das Quartier oder den Stadtteil durchzuführen. Hierbei werden gemeinsam neue potentielle Möglichkeitsräume exploriert und auf ihre Ausstattung mit ‚spannenden‘ nutzbaren Hindernissen oder aber auch auf Konfliktpotenziale geprüft, die sich aus Ansprüchen anderer Raumnutzer ergeben könnten. Solche Überprüfungen können stattfinden, indem Traceure die räumlichen Gegebenheiten unmittelbar ausprobieren oder indem eine spätere Nutzung zunächst innerhalb der Gruppe oder gemeinsam mit anderen Nutzergruppen diskursiv ausgehandelt wird.

Gewissermaßen ‚rituell‘ ist zudem die Art, in der eine Objektanordnung einem Eignungstest für die sportliche Betätigung unterzogen wird. Um einen Überblick über den aktuellen Entwicklungsstand der eigenen Leistungsfähigkeit zu erhalten, werden im Training bewältigte Distanzen kontinuierlich gemessen. Um sicherzustellen, dass die Maßeinheit nicht zu einem in der Parkourszene ungewollten Konkurrenzdenken beiträgt und tatsächlich Aufschluss über individuelle körperliche bzw. sportliche Grenzen gibt, werden überwundene Distanzen in der jeweils eigenen Fußlänge gemessen – also nicht in absoluten Einheiten, sondern in Relation zur eigenen Körpergröße. Daher ist zu beobachten, dass Traceure in der Exploration eines neuen Trainingsortes markante Stellen zunächst in ‚Trippelschritten‘ abgehen, um bereits vor der Ausführung eines Sprunges eine konkrete Vorstellung von seiner Machbarkeit zu gewinnen. Diese Praxis entspricht der Philosophie des Parkour, in der eine Raumaneignung ohne Verwendung von Hilfsmitteln impliziert ist. Resultat ist, dass kein Maßband oder Zollstock mitgeführt werden muss und der Traceur auf ein ‚Messinstrument‘ zurückgreifen kann, das er ohnehin immer mit sich führt. Es gilt weitreichend als Konsens, dass der Schwierigkeitsgrad neuer Sprünge oder Bewegungen grundsätzlich deutlich unterhalb der eigenen maximalen Leistungsfähigkeit angesetzt werden soll, um das Risiko einer Verletzung kalkulierbar zu halten.
Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 22. November 2009 )
 

Redaktion Parkour

Pablo Giese


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