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(c)Flickr-user Christoph
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Als wichtiger Stichwortgeber einer Geschichte des „Indie“ kann die „Anti-Establishment-Subkultur“ des „Punk“ gesehen werden, von dem die skeptische, teils ablehnende Haltung gegenüber der „Mainstreamkultur“, wie die „Do-It-Yourself-Attitüde“ quasi geerbt wurde. Dabei wird jedoch beim „Indie“ auf einen provokanten subkulturellen Habitus verzichtet. Als direkter Vorläufer gilt die „Post-Punk-Bewegung“ Ende der 1970er Jahre. „Indie“ als Kulturphänomen kam in den 1980er Jahren in Großbritannien als „Indie-Pop“ (alternativ: „New-Pop“, später „Twee“ oder „C86“) auf und bezeichnete „Pop-Musik“, die von „Independent-Labels“ vertrieben wurde. Als wichtige „Independent-Labels“ der Zeit gelten das 1978 gegründete „Rough Trade-“, das 1983 gegründete „Creation-“, sowie das 1985 gegründete „Subway-“ Label. Aufgrund des Erfolgs von „New Romantic-“ bzw. „New Wave- Bands“ zu dieser Zeit blieben diese neuen „Pop-Bands“ eher ‚klein’ und in diesem Sinne auch „Independent“. Dies beförderte die Entwicklung des regelrechten Eigenwertes „indie“ zu sein und den eigenen musikalischen Stil gegen ökonomische Zwänge zu verteidigen. Vor allem zwei geschichtliche Ereignisse sind hier zu nennen. Zum einen das Nummer 1 Album „Meat Is Murder“ der britischen Band „The Smiths“ von 1985, welche bei einem „Independent- Label“ gezeichnet waren, was damit die Erfolgsfähigkeit auch kleiner Labels demonstrierte. Als zweites die Compilation „C86“ des „New Music Express“ von 1986, welche einen massiven und weitreichenden Symbolwert, nicht zuletzt für die Ausrichtung des „NME“ hatte.

Der „Indie“ der 1980er war größtenteils unpolitisch, wie folgende Aussage von Martin Whitehead, einem „Indie- Pop-Musiker“ aus der Zeit, zeigt: „I was far more about presentation and style than content, and I’d even go as far as to say that it was in part a backlash against the political pop of the early and mid 80’s. It was about dressing cool, pop art, good melodies, classic guitars. It was very much about shedding pop music of all the socio-political baggage” (Whitehead, zit. nach Bladh 2005: 4). Die eher nüchterne, unpolitische Haltung des damaligen “Indies”, seine „Anti-Macho-Einstellung“ und eine, damals noch selbstpropagierte, Naivität, sind Merkmale, die sich auch in der gegenwärtigen Szene wieder finden. Im Falle der als „Anoraks“ bezeichneten „Indies“, die sich durch das Tragen eben solcher kleidungsstilistisch auswiesen, fiel die Szene jedoch eher überschaulicher aus. Außerhalb Großbritanniens haben sich Ende der 1980er auch in anderen Ländern „Indie- Bands“ gegründet. In den USA hat sich im selben Kontext der „Indie-Rock“ oder auch „College Rock“ entwickelt. „Dinosaur Jr.”, „Sebadoh“ oder „Pavement“ sind einige Vertreter dieser Richtung. Im Zuge eines steigenden Erfolgs wurden zunehmend „Indie-Künstler“ von „Majors“ aufgekauft, bzw. deren stilistische Entwicklungen übernommen, d.h. in der Ausweitung der Szene stellten sich hier schon früh Spannungen zwischen der „Indie-Philosophie“ und der konkreten, in wirtschaftlichen Kontext gesetzten, Realisation der Musik.

Eine weitere wichtige Entwicklung stellt die ab etwa 1992 aufkommende „Brit-Pop-Welle“ dar. In diesem Musikgenre liegt das Gewicht eher auf dem Liedtext, als auf der Tanzbarkeit von Melodie und Rhythmus, welche vordergründig optimistisch und freudig sind. Brit-Pop zitiert den „Pop“ der 60er und 70er und damit „Pop-Bands“ wie „The Beatles“ oder „Mod-Bands“ wie „The Kinks“ und ist ebenso vom „Indie“ der 1980er geprägt. Bedeutendste Vertreter sind, zumindest gemessen an ihrer Popularität, „Blur“, „Pulp“ und „Oasis“.

In Bezug auf eine deutsche „Indie- Szene“ ist als Vorläufer zudem die „Hamburger Schule“ zu benennen, welche von „Punk“ und „NDW“ beeinflusst ist. Diese Musikrichtung kam gegen Ende der 1980er auf und beschreibt deutschsprachige Musik mit Pop- und Punk-Elementen deren Vertreter, wie „Blumfeld“, „Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs“ oder „Huah!“ vorrangig aus dem Raum Hamburg kamen oder dort hinzogen. Eine zentrale Rolle spielte hierbei das 1988 gegründete Label „L’age d’or“, welches in Hamburg sitzt. Der Begriff „Hamburger Schule“ ist an den der „Frankfurter Schule“ angelehnt und soll auf einen intellektuellen, gesellschaftskritischen Inhalt der Texte verweisen. Von daher wird alternativ auch die Bezeichnung „Diskurs-Pop“ verwendet. Eine grundsätzliche Umwälzung der gesellschaftlichen oder politischen Verhältnisse ist damit aber generell nicht gemeint. In dieser unrebellischen Haltung gleicht die Musik dem „Indie“ Großbritanniens. Auch in der dem „Punk“ entlehnten „Independent- Haltung“ finden sich Ähnlichkeiten zum „Indie“ der damaligen Zeit. Mit diesem „Diskurs-Pop“ sind in den frühen 1990ern vor allem die Bands „Blumfeld“, „Die Sterne“ und „Tocotronic“ erfolgreich gewesen. Von letzteren stammt zudem der stilistische Input der Trainingsanzüge für Teile der „Indie- Szene“.

Mit Beginn der 2000er Jahre hat „Indie-Musik“ ein regelrechtes ‚Revival’ erlebt. Als Klassiker der „jungen Szene“ lassen sich z.B. Alben wie „Is this it“ (The Strokes, 2001), „Franz Ferdinand“ (Franz Ferdinand, 2004) oder „Whatever people say I am, that’s what I’m not“ (Arctic Monkeys, 2006) bezeichnen. In Hinsicht auf die drei dargestellten Entwicklungslinien, der britischen („Indie-Pop“), amerikanischen („Indie- Rock“) und deutschen („Hamburger Schule“) Szenegeschichte sind seit 2000 in den jeweiligen Bereichen bedeutende Bands aufgekommen bzw. bekannt geworden. Im Bezug auf die „Hamburger Schule“ ist hier das 2002 gegründete Label „Grandhotel van Cleef“ zu nennen. Bands wie „Tomte“ oder „Kante“, gelten als bedeutende Vertreter der neuen „Hamburger Schule“. Weitere Vertreter sind „Fotos“ oder die 2001 gegründete Band „Kettcar“. Prominente Beispiele für „Indie“ aus dem britischen Raum sind die 1999 gegründeten „Kasabian“, die 2001 gegründeten „Franz Ferdinand“, die 2002 gegründeten „Arctic Monkeys“, die 2003 gegründeten „Bloc Party“ oder die im selben Jahr gegründeten „Kaiser Chiefs“, um nur einige zu nennen. In Bezug auf die „Arctic Monkeys“ ist zu bemerken, dass diese Band eine der ersten war, die über das Internet und ohne Plattenvertrag erfolgreich wurden: Sie können also als dezidiert „indie“ gelten. Aus dem amerikanischen Raum sind es Bands wie „Death Cab For Cutie“, deren Frontmann zum 2001 gegründeten „Electro- Pop- Duo“ „The Postal Service“ gehört oder „The Shins“, die 2001 debütierten. Auch stammen viele „Indie- Bands“ der aktuellen Szene aus Schweden: Das prominenteste Beispiel dürften „Mando Diao“ sein, die 2002 bekannt wurden. Insgesamt sind „Indie-Bands“ seit 2000 zunehmend erfolgreicher geworden. Der Problematik des „staying independent/ underground“ gegen den Erfolg wird dabei auf zwei Weisen begegnet, zum einen durch die Umkodierung und Erweiterung der Bedeutung von „Indie“. Darüber kommt es zur Einholung von erfolgreichen Bands, was für die „Indie-Szene“ als Massenerscheinung wichtig ist. Zum anderen kann es aber für die subkulturelle, kleinteilige „Indie-Szene“ gerade zum Ausschluss solcher Bands kommen. Ferner werden aber auch Randbereiche anderer Genres in den „Indie“ eingeholt, wie zum Beispiel elektronische Musik oder sogar „Hip-Hop“, z.B. im Falle der „Streets“. Dadurch und zudem weichen sich aber auch andere Definitionsmerkmale der Musik auf, weshalb diese Entwicklungen von einigen Szenegängern überaus kritisch bewertet werden.

Nicht nur dass diese gegenwärtigen Veränderungen zu szeneinternen Umgestaltungen beitragen, sondern zusätzlich bezeichnet „Indie“ in der aktuellen Szene eine Musik, die sich durch rein musikformale Beschreibungen nicht mehr klar greifen lässt. Verschiedenste Musikstile überlagern sich in der Szene und die Gefahr des Ausverkaufs, des so genannten „Sell-Outs“ einer Band, wird ausgewechselt mit der Gefahr „mainstream“ zu werden. Da sich aber in dem Falle der kommerzielle Erfolg und „Indie-Sein“ nicht ausschließen, wird die Grenze zum „Mainstream“ und damit die interne Grenze brüchiger oder fließender, als sie es ohnehin schon sein mag. Die Fassung dessen, was „Indie“ sei, ist daher eng mit dem charakteristischen Werte- und Einstellungskontext der Szene und jener Aushandlungsprozesse über „Indie“ verwoben (siehe ausführlich: Einstellung, Lifestyle).
Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 5. April 2009 )
 

Redaktion Indie

Paul Eisewicht
Tilo Grenz

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