Lifestyle E-Mail
Foto© Annie Bertram
Foto© Annie Bertram
In der Schwarzen Szene wird vor allem individuelle Kreativität groß geschrieben, insbesondere wenn es um das eigene Auftreten geht. Aber eine zunehmende Kommerzialisierung bringt auch immer einen Verlust individueller Kreativität mit sich. Die großen Internetkaufhäuser versorgen die Szenemitglieder mit allem was das 'Schwarze Herz' begehrt. Von der Bekleidung bis zur Zimmereinrichtung ist alles im schwarzen Stil zu finden. Was man sich in den Anfangszeiten der Szene selber basteln oder schneidern musste, ist heute käuflich zu erwerben. Dennoch versucht man trotz solchen Kommerzialisierungs- und Standardisierungsversuchen von Seiten des Marktes, sich die eigene Kreativität zu erhalten. Dass die Gothic-Szene ein enormes Kreativitätspotential beherbergt, zeigt sich auch an der Beschäftigung vieler Szenemitglieder mit Lyrik, Malerei oder Fotografie (siehe: Links).
Innerhalb der Schwarzen Szene finden sich vielfältige Stile, wobei das äußere Erscheinungsbild meist eng mit der jeweiligen Musikrichtung(en) verknüpft ist, welchen man zugetan ist. So findet man auf den großen Szenetreffen unter anderem folgende Stile:

  • Der klassiche Gothic-Stil ist nur noch vereinzelt anzutreffen. Hiermit ist der Stil aus den Anfangsjahren der Szene gemeint: die weißgeschminkten Gesichter im Kontrast zu schwarzem Mund und blutunterlaufenen Augen, damals auch als 'sich totschminken' bezeichnet. Die Kleidung ist eher weit und hochgeschlossen und weniger auf Erotik fokussiert.
  • Der Romantik-Stil: Hier fallen vor allem die verschiedene Korsettarten und der Reifrock auf. Stilprägend sind hier also vor allem Stilelemente verschiedener Epochen. Anhänger dieses Stil bezeichen sich selbst auch als 'Schwarzromantiker'. Als Substil ist der 'historische Stil' zu nennen, bei dem großer Wert darauf gelegt wird, die Kleidung möglichst originalgetreu entsprechend der jeweiligen favorisierten Epoche (z.B. Mittelalter, Barock oder Rokkoko) zu tragen.
  • Industrial-Stil: Wie die Musik setzt sich dieser Stil mit den Folgeerscheinungen der Industriegesellschaft z.B. der zunehmenden Künstlichkeit und Technisierung vieler Lebensbereiche auseinander. Gasmasken, Schweißerbrillen, Mundschutz, Schutz- und Tarnanzüge sind hier stilprägend und kreieren eine Ästhetik des bedrohlichen.
  • Der Cyber-Gothic-Stil: In diesem Stil manifestieren sich die Einflüsse der Technoszene. Stilprägend sind hier Glitter und Galmour ('London Style'), grelle Neonfarben in Kleidung und Haaren, bunte Haarteile, Kunstpelz und Federboas. Dieser Stil ist futuristisch und 'spacig'.
  • Der SM-Stil wirkt durch Materialien wie Lack, Latex und Leder sehr martialisch aber zugleich wird der Körper enorm erotisiert. Klar zum tragen kommen hier die Überschneidungen mit der SM-Szene. Beliebt als Accessoires sind schwere Ketten, breite Halsbänder mit 'spikes' oder Handschellen.
  • Der 'Gothic-Lolita-Stil' welcher, zusammen mit Gothic-Bands im 'Visual Kei'-Stil aus Japan stammt, ist im Moment bei den Frauen sehr angesagt ist. Man kokettiert hier mit dem 'Kindchenschema'. Stilprägend sind kurze Petticoats, Tüll, Spitze, die Kleidung erinnert an Ballerinas, Kellnerinnen, Schuluniformen und Dirndl.
Generell auffällig ist zudem das oftmals sehr kunstvolle Make-up der Frauen, aber auch bei den Männern der Szene ist das Tragen von Make-Up oder schwarzem Nagellack nichts ungewöhnliches. Man liebt es sich zurechtzumachen und bei den Festivals geht es auch immer um "sehen und gesehen werden".
Die Gothic-Szene ist eine sehr zurückgezogene Szene die sich meist regional in kleinem Kreis organisiert, wobei sie sich in starkem Maß das Internet zunutze macht. Es gibt zahlreiche online Portale über die die Szenemitglieder in Kontakt treten und sich austauschen.
Die Gothic-Szene ist eher unpolitisch und nicht auf Konfrontation mit der 'Normalgesellschaft' aus, wie es etwa der Punk war. Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft löst eine Suche nach alternativen Sinnangeboten aus. Darüber ist die Faszination vieler Szenemitglieder mit vergangenen Epochen, vor allem dem Mittelalter und der Romantik, mit Mystik und heidnischen Religionen zu erklären, was sich wiederum in der in der Szene verwendeten Symbolik widerspiegelt.
Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 4. November 2007 )
 

User Comments

You must javascript enabled to use this form

Es geht nicht allein um Ansichten und Auslegungen (so einfach isses nicht), sondern um kulturelle Kontexte, die logisch nachvollziehbar sein sollten. Man kann nicht einfach die Geschichte dieser Szene unter den Teppich kehren und behaupten 'Goth is what you make it'. Das funktioniert so nicht. Gothic war definitiv kein Oberbegriff für x-beliebige Szenen, sondern bildete sehr wohl eine eigene Szene mit kleineren Subszenen, die sich kulturell allesamt in der Post-Punk-/Wave-Bewegung verorten ließen. Man sprach nicht umsonst zwei Dekaden lang von einer Dark-Wave-Szene. Letztlich kam die gesamte Musik der Szene aus diesem Umfeld (und Gothic Rock, der bedeutend für die Entwicklung dieser Szene war, IST ein Post-Punk-/Wave-Stil!).

Wir bewegen uns jedoch in einer Zeit, in der alles mögliche dem Gothic zugeordnet wird, obwohl zumeist kaum bzw. überhaupt kein Zusammenhang besteht (sowohl musikalisch als auch kulturell). Das fängt schon beim Visual Kei an. Richtig ist, dass die Visual-Kei-Szene sich an der Mode der New Romantics und Goths orientiert und das mit japanischer Mode (Kabuki) verknüpft. Das ist aber auch schon alles. Hier besteht weder ein tatsächlicher musikalischer noch ein kultureller Bezug zur eigentlichen Gothic-Bewegung. Dasselbe gilt für die Emo-Szene.

Auch die Musik, die später blind als 'Gothic' vermarktet wurde (ich sage nur Mittelalterrock, Neue Deutsche Härte, Symphonic Metal, etc.) hat überhaupt nichts mit der eigentlichen Gothic-Szene und deren Musik zu tun. Dahinter steckt meiner Meinung nach schlicht Geldscheffelei. Als die gesamte Wave-Szene Ende der 90er zunehmend dem Ende entgegenstrebte, haben irgend welche Journalisten und Labels die Bezeichnung 'Gothic' aufgegriffen und einfach auf andere Bands geklebt (sowas nenne ich gezielte Fehlvermarktung).

Die Gothic-Szene hat sich somit nicht wirklich, wie du sagst, in neue Untergruppen aufgespalten (im Gegenteil, bröselte sie doch schon ab Mitte der 90er an allen Ecken), sondern man hat ihr einfach sich neu entwickelnde Fankulturen beliebig zugeordnet. Das ging bei den HIM- und Manson-Fans los und endete irgendwo bei der Rammstein- und Samsas-Traum-Fraktion. Keiner bestreitet, dass diese Fankulturen auf einer bestimmten Ebene 'schwarz' sind. Goths/Waver/Post-Punks sind sie jedoch keinesfalls. Durch diese Fehlvermarktung hat in den letzten Jahren eine Bedeutungsverschiebung stattgefunden, ähnlich dem Techno der 80er (Depeche Mode, Clock DVA, Front 242, Nitzer Ebb) gegenüber dem Techno der 90er (Westbam, Sven Väth, Carl Cox etc.). Dass sich dadurch am Ende zwei oder mehrere völlig unterschiedliche Bewegungen mit einem jeweils völlig anderen kulturellen Background gegenüberstehen, ist nahezu logisch.

Im Übrigen wird der traditionellen Gothic-Kultur kaum noch Club-Abende eingeräumt. Das gibt es noch in einigen Großstädten, aber das war's dann auch schon.

[img]http://i34.tinypic.com/clpwx.jpg[/img]


Das Programm in den gängigen Clubs wird überwiegend durch kulturell fremde Musik bestimmt (vielerorts kaum zu unterscheiden von Rave-Partys). So ehrlich wollen wir schon sein. Selbst die DJs sind heutzutage so dermaßen unaufgeklärt, dass sie Bauhaus für ein Einkaufs-Center halten und von The Cure glauben, es sei nur 'ne blöde Pop-Band aus den 80s. Geschichts- und Kulturbewusstsein = Null.

Veröffentlicht von Krümel des Todes, An 10/01/2008 bei 15:17

Einen Überblick über eine Szene kann nie vollständig sein. Zu sehr unterscheiden sich Ansichten und Auslegungen innerhalb der Szene. Es ist kein Phänomen, dass große Szenen beginnen sich aufzusplitten und neue Untergruppierungen zu bilden, je größer sie werden. Schließlich geht es bei den meisten Szenen um die Individualisierung des einzelnen, das abheben vom Mainstream. Innerhalb einer großen Szene empfindet der einzelne die Szene selbst schon wieder als Mainstream und ist bestrebt, sich weiter zu entwickeln. Dieser Prozess ist nicht aufzuhalten und führt letztendlich zum aufbrechen einer Szene, so dass die einzelnen Untergruppierung neue und eigenständige Szenen bilden. Man erinnere sich nur an die Punks, die etwa um 1977 eine deutsche Szene in der Entstehung waren und um 1980 schon wieder damit begannen, aufzubrechen.

Was jetzt letztendlich Gothic ist und was nicht, bleibt Auslegungssache. Gothic ist ja nur der Überbegriff für einer Vielzahl von Szenen. Der Mix innerhalb der Szene wird mitbestimmt von den Lokalitäten in denen man sich trifft. Kaum ein Club kann es sich leisten nur eine Stilrichtung zu bedienen, deshalb werden schon von Grund auf möglichst viele Einflüsse geltend gemacht um für möglichst viele Anhänger eine Plattform zu bieten.

Den Ansatz, das 'Cybergothaufkommen' mit dem Ende der Love-Parade zu verbinden, finde ich übrigens sehr interessant ;)

Veröffentlicht von Robert, An 09/30/2008 bei 15:42

Das Thema 'Cyber(goth)' sollte man viel kritischer betrachten. Bisher gibt es keine seriöse Literatur dazu und keine plausible Erklärung dafür, weshalb diese Leute der Gothic-Szene angehören sollen (viele Merkmale sprechen deutlich dagegen).


In den Augen der Tradgoths stellen Cybers eine eigene Kultur dar, die sich Elementen anderer Kulturen bedient, und nicht umgekehrt. In vielen Foren werden sie sogar offen abgelehnt (Toleranz kennt eben auch Grenzen), da sie als 'Emigranten' aus der Rave-Szene gelten. Tatsächlich erhöhte sich die Anzahl der Cybers genau zu dem Zeitpunkt merklich, als die Loveparade in Berlin ausfiel (das war 2004 und 2005). Ob es da eine Verbindung gibt und ob das Wave-Gotik-Treffen als Ausweichmöglichkeit genutzt wurde, ist allerdings reine Vermutung.


http://www.eecity.de/images/hdss-ee.jpg
(das findet sich übrigens überall im Netz verteilt)


Des weiteren würde ich Gothic Lolita herausnehmen. Das hat hier nichts verloren. Die einzige Verbindung ergibt sich durch die Bezeichnung 'Gothic' (und die ist ja nun mal nicht rechtlich geschützt). Gothic Lolita gehört in den Bereich der japanischen Lolita Fashion.


Und streicht bitte den 'Industrial-Stil'. Das hat 1.) nichts mit Gasmasken, Schweißerbrillen und ähnlichem Zeugs zu tun (genau das gehört nämlich zu den Cyber-Leuten!) und 2.) gibt es eine eigenständige Industrial Culture. Diese entstand noch VOR der Gothic-Bewegung und kann somit kaum deren Bestandteil sein.


Stattdessen sollten hier die 'Bonanzas' aufgenommen werden, eben jene Goths, die Fields of the Nephilim und Sisters of Mercy bevorzugen und so aussehen, als seien sie der Morgan-Creek-Produktion 'Young Guns' entsprungen. Diese Gruppierung gibt es seit den 80ern und wird nahezu von jedem Buch, das sich der Gothic- und Schwarzen Szene widmet, ignoriert.

Veröffentlicht von Krümel des Todes, An 08/15/2008 bei 17:10

Gothic Lolita kommt aus dem Visual Kei. Und Visual Kei ist kein Gothic, genauso wenig wie die Bands dahinter Gothic-Bands sind. Leute, recherchiert doch erstmal gründlich, bevor ihr so etwas veröffentlicht. Hier lesen täglich dutzende von Leuten, die das für bare Münze nehmen.

Veröffentlicht von Besserwessi, An 12/13/2007 bei 13:21

 1 
Page 1 of 1 ( 4 User Comments )


Redaktion Gothic

Axel Schmidt
Nancy Leyda

Multimedia Gothic

Gothic GOTHIC klingt mittelalterlich, dunkel und mystisch, jedoch zugleich aufgrund des Anglizismus - irgendwie 'modern'...  
TEXT   -   FOTOS   -    VIDEOS 

PDF-Download

PDF DownloadDiesen und alle anderen Steckbriefe als PDF herunterladen.

Creative Commons

Dieses Werk ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Nichtkommerziell-Keine Bearbeitung lizensiert.
Add to: Mr. Wong Add to: Yigg Add to: Digg Add to: Del.icoi.us Add to: Technorati Add to: Google
Social Bookmarking

jugendszenen.com (seit 2002)
Unterstützt von der Fakultät 12 der Technischen Universität Dortmund
seit 2007
Unterstützt von MTV Networks Germany seit 2007

Technische Universität Dortmund

MTV Networks